Ein Praxisinterview mit der Elschukom GmbH aus Veilsdorf in Thüringen
Die Forschungszulage ist eine steuerliche Förderung, mit der Unternehmen einen Teil ihrer Ausgaben für Forschung und Entwicklung (F&E) im Nachhinein vom Staat zurückerhalten. Sie ermöglicht Unternehmen einen vergleichsweise einfachen Zugang zur Innovationsförderung, unabhängig von Branche oder Größe. Ute Poerschke, Geschäftsführerin der Elschukom GmbH, zeigt, wie pragmatisch und wirkungsvoll die Forschungszulage im Mittelstand eingesetzt werden kann, auch im Zusammenspiel mit Thüringer Förderprogrammen wie InnoInvest. Ihr Ansatz: einfach anfangen, sauber dokumentieren und die passenden Instrumente kombinieren. So entsteht ein nachhaltiger Innovationskreislauf im Unternehmen.
1. Frau Poerschke, was war für Sie der Auslöser, sich mit der Forschungszulage zu beschäftigen?
Der Auslöser war eine Veranstaltung zur Einführung der Forschungszulage um den Jahreswechsel 2020/2021. Ich habe sofort erkannt, dass das für uns relevant sein könnte und wir haben sehr schnell reagiert. Unsere Bescheide hatten damals noch sehr kleine Nummern, was zeigt, wie früh wir dabei waren. Insgesamt haben wir direkt vier Projekte eingereicht: zwei Maschinenbauprojekte, die wir intern durchgeführt haben, sowie zwei Software-Auftragsentwicklungen.
2. In welcher Branche ist Elschukom tätig und was machen Sie konkret?
Wir sind im verarbeitenden Gewerbe tätig, mit Schwerpunkt Elektrotechnik und Metallverarbeitung. Unser Schwerpunkt liegt auf der Herstellung von Feinstdrähten, teilweise bis zu 10 Mikrometern Durchmesser, also etwa ein Zehntel eines Haares. In diesem Bereich gibt es kaum Standardmaschinen, weshalb wir viele Lösungen selbst entwickeln müssen. Zusätzlich entwickeln wir kundenspezifische Lösungen, bauen eigene Maschinen und programmieren begleitende Software. Dadurch bewegen wir uns stark in Nischenbereichen mit hohem Innovationsgrad.
3. Welche Rolle spielt F&E konkret bei Ihnen im Unternehmen?
Wir haben aktuell rund 86 Mitarbeitende, und davon sind etwa 4 bis 5 direkt in F&E tätig. Zusätzlich arbeiten aber viele andere projektbezogen mit, sodass wir insgesamt auf etwa 20 Personen kommen. Das entspricht ungefähr einem Viertel unserer Belegschaft, was für ein mittelständisches Unternehmen durchaus viel ist. Der Grund dafür ist, dass bei uns nicht nur Produkte entwickelt werden, sondern auch Prozesse, Maschinen und IT-Systeme. F&E ist bei uns also kein abgegrenzter Bereich, sondern Teil des gesamten Betriebs.
4. Können Sie uns Beispiele für Projekte nennen, die Sie mithilfe der Forschungszulage gefördert haben?
Gefördert wurden bei uns Maschinenbau- und Softwareprojekte. Ein spannendes Projekt war der Umbau einer galvanischen Anlage, bei der wir eine Lösung ohne Quecksilber entwickelt haben. Das war technisch anspruchsvoll, aber auch aus Umwelt- und Sicherheitsgründen sehr wichtig. Ein anderes Thema war die Entwicklung von Wickeltechnologien für extrem feine Drähte. Besonders stolz sind wir auf unsere selbst entwickelten Softwarelösungen, die unsere Produktion spürbar effizienter machen. Dank ihnen lassen sich Inventuren jetzt in Sekundenschnelle per Knopfdruck erledigen.
5. Wie sehen Sie die Forschungszulage im Vergleich zu klassischen Förderprogrammen?
Förderprogramme, die Personalkosten abfangen oder Investitionsentscheidungen erleichtern, wie InnoInvest und FTI-Thüringen für technisches Personal, sind für uns sehr hilfreich. InnoInvest und die Forschungszulage sind für mich zum Beispiel zwei Instrumente, die sich ideal ergänzen. Mit InnoInvest kann ich konkrete Anschaffungen tätigen, also Maschinen kaufen oder externe Leistungen vergeben, mit klar definiertem Ergebnis. Hier wartet man auf die Genehmigung, bevor man starten kann. Bei der Forschungszulage kann ich direkt starten, die Kostenstellen beobachten und den Antrag nachträglich stellen.
6. Welche weiteren Vorteile hat die Forschungszulage für Ihr Unternehmen?
Bei der Forschungszulage kann ein Projekt auch ohne erfolgreiches Ergebnis eingereicht werden. Ich kann also sagen: Ich probiere etwas aus und schaue, was passiert. Das passt viel besser zur Realität im Mittelstand, wo man oft iterativ arbeitet. Genau diese Freiheit macht das Instrument so wertvoll. Bei uns kommt hinzu, dass Entwicklungsprojekte manchmal länger dauern oder verschoben werden, weil unsere Maschinenbauer parallel in Wartung und Produktion eingebunden sind. Wenn sich dadurch die Zeitschiene verändert, ist das für die Forschungszulage kein Problem. Sie fördert den tatsächlichen Aufwand an Personal, Material und externen Leistungen, unabhängig davon, wann genau die Arbeiten stattfinden.
7. Nutzen Sie die Forschungszulage auch strategisch für Ihre Innovationsplanung?
Wir sind als Unternehmen zu klein, um eine klassische, formal strukturierte Innovationsplanung zu betreiben. Das würde uns eher ausbremsen. Stattdessen entstehen Innovationen bei uns aus dem Tagesgeschäft heraus, das heißt wir erkennen Bedarfe, setzen uns zusammen und entwickeln Lösungen. Natürlich haben wir eine grobe Roadmap und Technologiefelder im Blick, z.B. neue Materialien wie Titan oder Platin. Aber keine starre Innovationsplanung wie in Großkonzernen.
8. Wann sagen Sie: Dafür lohnt sich ein Antrag und wann nicht?
Wenn ich sehe, dass nur 1.500 oder 2.000 Euro zusammenkommen, verzichte ich. Der Aufwand wäre zu hoch. Der Aufwand steht dann nicht im Verhältnis zum Nutzen. Aber sobald ein Projekt größer wird und echte Entwicklungstiefe hat, kann ich jederzeit nachträglich einsteigen. Wir beobachten unsere Kostenstellen bewusst und entscheiden dann pragmatisch. Das ist kein starres System, sondern eher eine unternehmerische Abwägung
9. Wie erleben Sie die Antragstellung ganz konkret?
Überraschend einfach, ehrlich gesagt. Die meisten Unterlagen wie Projektpläne oder Lastenhefte haben wir ohnehin im Unternehmen. Die Formulare sind überschaubar und zwingen einen eher zur Struktur als zur Bürokratie. Man muss keinen perfekten Text schreiben, sondern klar erklären, was man vorhat. Das ist mit etwas Abstimmung im Team gut machbar.
10. Wo lagen für Sie die größten Herausforderungen?
Die Herausforderungen kamen weniger bei der Antragstellung, sondern später bei der Prüfung durch das Finanzamt. Dort ging es vor allem darum zu erklären, wer konkret an den Projekten gearbeitet hat. In einem mittelständischen Unternehmen machen Mitarbeitende oft mehrere Dinge gleichzeitig – Wartung, Entwicklung, Aufbau von Prototypen. Das sauber darzustellen, war nicht immer trivial. Aber auch dafür findet man Lösungen.
11. Welche Rolle spielt die Dokumentation im Alltag?
Die wichtigste Erkenntnis ist, dass Dokumentation früh beginnen muss. Wir legen für jedes potenzielle Innovationsprojekt sofort eine eigene Kostenstelle an. Dadurch entstehen alle relevanten Daten automatisch im Tagesgeschäft. Später kann man diese einfach auswerten und für den Antrag nutzen. Ohne diese Struktur würde es deutlich komplizierter werden.
12. Welche drei Tipps würden Sie anderen Unternehmen mitgeben?
Erstens: Mein wichtigster Tipp: Sofort eine eigene Kostenstelle anlegen, sobald ein potenzielles Innovationsprojekt startet und dann alle Zeiten der Beteiligten konsequent darauf erfassen. Zweitens, Rückfragen der Prüfer nicht als Hürde sehen, sondern aktiv klären und im Zweifel einfach anrufen. Drittens: Am Ende nicht zu lange warten, sondern die Abrechnung zeitnah machen, sonst verzögert sich die Auszahlung unnötig.
13. Welchen konkreten Nutzen hat die Forschungszulage für Ihr Unternehmen – und Ihr Fazit?
Die Forschungszulage hilft uns, Entscheidungen zu treffen und Projekte überhaupt anzustoßen, ohne sofort volles Risiko zu tragen. Gleichzeitig wirkt die Auszahlung wie ein Bonus im Nachhinein. Man bekommt Geld zurück für etwas, das man ohnehin gemacht hat. Dieses Geld investieren wir direkt wieder in neue Projekte. Die Forschungszulage ist ein echter Hebel für Innovation im Mittelstand.
Frau Poerschke, vielen Dank für das interessante Interview!